jahresrueckblick 2017 nix magazin

zweitausendsiebzehn

von Christian Meyer

Ist dieses Jahr tatsächlich alles noch schlimmer geworden als es eh schon war? Ja, leider. Selbstverständlich geht es hier um Politik. Zunächst haben die ganz großen Probleme nicht aufgehört zu existieren, oder treffender, werden munter weiter produziert. Klimawandel ist immer mal wieder Gegenstand von Zeitungsartikeln, die auch wenn man jeden Alarmismus rausstreicht, einfach nur furchteinflößend sind. Und da das Dieselkartell offensichtlich nicht zerschlagen und an motorisiertem Individualverkehr festgehalten wird (mit oder ohne Verbrennungsmotor ist dabei schon fast egal) bleibt eine der zentralen Ursachen weiterhin manifest. Fleisch schmeckt auch immer noch den meisten und ist zu billig. Und die USA sind unter President Trump aus dem UN-Klimaschutzabkommen von Paris ausgestiegen, das so oder so kaum das Papier wert war, auf dem es gedruckt ist. Trotzdem ein starkes Signal für alle, die weiter bequem externalisieren wollen. Trump digs coal (vermutlich himself) und neben uns die Sintflut (Stephan Lessenich).

Wer mehr dagegen tun will, als im Bioladen einkaufen, konnte sich im August im Rahmen von Ende Gelände im rheinischen Braunkohlerevier gerade machen. Zahlreiche Aktivist_innen, die beim Tagebau Garzweiler ein bisschen in den zerstörerischen Alltag eingriffen, wurden von der Polizei festgenommen oder einfach verprügelt. Aber weil Marcuse sagt: Weitermachen, versuchten im November 4.500 Leute (unter anderem von Pazifikinseln, die schon heute absaufen) in den Tagebau von RWE am Hambacher Forst einzudringen. Aber darum sollte es hier eigentlich gar nicht gehen. Auch nicht darum, dass die Bundeswehr nicht nur Krieg führt, sondern auch Reality Soaps für den Nachwuchs ohne Berufsperspektive (#surplusproletariat) abdrehen und verbreiten lässt.

Worum es hier geht, ist der reaktionäre Backlash, der mit dem Einzug der AfD in den Bundestag, droht zum protofaschistischen Normalzustand zu werden. Das Stellen der drittstärksten Bundestagsfraktion ist der bislang größte Erfolg eines rechten Projekts, das spätestens mit dem ersten Sarrazin-Bestseller (2010) sich zu formieren begann und spätestens seit Pegida (2014) nicht mehr zu ignorieren war. Die Identitäre Bewegung, das Compact-Magazin um Jürgen Elsässer, Kubitscheks Sezession, die Junge Freiheit und ihre 30.000 verkauften Exemplare jede Woche – haben über Jahre den Diskurs soweit nach rechts verschoben, dass die Politik der großen (und scheinbar nie endenden) Koalition nicht nur als alternativlos, sondern vielen sogar als menschlich und fortschrittlich erscheint. Was den Schweinen (wir nennen sie jetzt mal so, damit hier nicht zu viele Fremdwörter stehen) die Arbeit so leicht macht, sind Verständnis und Gesprächsbereitschaft, die ihnen entgegen gebracht werden. Nicht zuletzt deshalb ist seit der Frankfurter Buchmesse Meinungsfreiheit mein Unwort des Jahres. Fast alles zu sagende, hat Sybille Berg bei Spon geschrieben. Dass sie dafür auch Prügel einsteckt zeigt, auf welcher Seite der Barrikade die Meinungsfreiheit derzeit als Munitionierung dient. Trotz aller Deutschtümelei ist der Rechtsruck aber kein deutsches Problem, das zeigt der Blick nach Ungarn, Polen, das Baltikum oder Österreich, wo die Burschipartei FPÖ einen ehemaligen Wehrsportler als Vizekanzler stellt und mit einem gefühlt minderjährigen Typen koaliert, dessen Portrait erscheint, wenn man auf wikipedia BWLer sucht.

Der Rechtsruck besteht nicht nur in „Ausländer raus!“ und „Gender Studies abschaffen!“. Er will auch mehr Polizei, harte Urteile und duldet keinen inneren Feind, der dem Volkswillen im Weg steht oder auch nur nervige Fragen stellt. Wer seit jeher nicht zum Volk gehört sind Linke (auch wenn Wagenknecht und ein paar andere sich redlich bemühen). Der Stand linker Bewegung und der polizeilichen Dimension der Rechtsentwicklung ließ sich dieses Jahr nirgends so gut ablesen, wie beim G20-Gipfel in Hamburg. Lange bevor der erste Stein flog, zeigten Scholz, Grote und Cops, wie sie sich die Sache vorstellen, in dem sie richterlich genehmigte Camps räumen ließen, weite Teile der Stadt zur demonstrationsfreien Zone erklärten und beim harmlos besoffenen „Cornern gegen G20“ Wasserwerfer einsetzten. Die autonome Demonstration unter dem Motto „Wellcome to hell“ wurde konsequenter Weise mit brutalster Gewalt aufgelöst, bevor sie überhaupt los laufen konnte. Unerträglicher als die Gewalt der Polizei waren eigentlich nur noch die Lügen (#fakenews) mit denen sie gerechtfertigt werden sollte und die hier nicht noch weiter verbreitet werden müssen. Die Geschichte, die erzählt werden muss ist die von der Polizei, die erstmalig in der BRD Gummigeschosse einsetzt, vom SEK, das Sanitäter_innen und Anwohner_innen mit automatischen Waffen bedroht, von Leuten im Knast, denen keine Straftat nachzuweisen ist. Und die Geschichte von ein paar Riots, die über einfache Eingriffe in die Straßenverkehrsordnung hinaus gehen und über 70 000 Menschen auf der Abschlussdemo, die zu Tausenden, das YPG/ YPJ-Flaggenverbot umgehen und sich weder provozieren noch spalten lassen.

Mehr ist augenblicklich wohl außerparlamentarisch nicht drin. Die Möglichkeiten parlamentarischer Politik werden einem sowieso immer wieder eindrucksvoll in ihrer Beschränktheit demonstriert. Ein Beispiel: Steigende Mieten sind in fast allen europäischen Städten eines der drängendsten Probleme. So war es umso erfreulicher, dass der kritische Stadtsoziologe und Aktivist Andrej Holm im rot-rot-grün regierten Berlin Staatsekretär für Wohnen wurde und ein engagiertes Programm verfolgte. Leider wurde er daraufhin von CDU, Springerpresse und Immobilienwirtschaft so lange mit Dreck beworfen, bis er zurückgetreten wurde und darüberhinaus auch von seiner universitären Stelle beurlaubt ist.

Alles in allem also totale scheiß Zeiten. Gibt´s dann wenigstens gute Musik? Vielleicht wäre eine Verelendungstheorie im Bereich der Pop-Musik noch am wahrsten: Scheiß Zeiten – gute Platten. Zusammenhänge deuten sich zumindest an. Und weil die Rechten aller Couleur gegen alles stehen, was Pop schon immer war (antinational, progressiv, schlau), ist es nach wie vor nicht nur legitim, sondern vor allem tröstend, sich mehr als nur Worte anzuhören.

Nicht von der Hand zu weisen ist der Zusammenhang von Trump und den Prophets of Rage. Wenn man sich mal damit abgefunden hat, dass es ok ist, ästhetisch stehenzubleiben, wenn politisch die Zeit zurückgedreht wird, lässt sich nur sagen: gute Sache. Chuck D. und B. Real imitieren zwar ein bisschen Zack de la Rocha, aber klingen dabei sogar irgendwie besser als auf den letzten Platten ihrer Primär-Combos. Der Rest klingt nach Rage Against the Machine und ist es auch.

Andere Töne gegen den Trumpismus findet Hurray for the Riff Raff, die Identity politics in Folk übersetzt. Das klingt erstmal furchtbar, ist aber vor allem furchtbar schön. Living in the city ist eines der besten Lieder des Jahres.

Und noch ein Mittelfinger für die White Supremacy. Alle stimmen darin überein, dass Kendrick Lamar mit Damn nochmal richtig nachgelegt hat, er der gottähnlichste Rapper auf dem Planeten ist und deswegen wirklich mal alle ganz humble sein sollen, weil das unbestritten der beste Hiphop-Track seit [bitte irgendwas aus den 90ern einfügen] ist.

Courtney Barnett und Kurt Vile pflegen ihre Intercontinental Friendship nicht nur, weil es so witzig ist ein Album als Kurt und Courtney aufzunehmen. Das Ergebnis pendelt sehr laid back zwischen Ohrwurm und leicht kratzig.

Ein ganz anderes Ergebnis interkontinentaler Zusammenarbeit ist Penpals von Retrogott und Motion Man. Ja, der Masters of Illusion mit Kool Keith und Kut Masta Kurt Motion Man. Und ja, back in the days, quasi Proto-Dubstep mit DJ Vadim: I am the terrorist, terrorist, terrorist, T E R R O R ist… Und der Andere „yo kurt, jetzt schämst du dich“ hat in den letzten Jahren schimpfwortmäßig ein bisschen runtergedreht und anscheinend auch eine Tageszeitung abonniert. Sympathische Typen. Im Jargon der Politik: Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Stuck in the funk ist ein Hammertrack.

Es scheint überhaupt das Jahr der Collabos. In diesen Zeiten müssen wir alle zusammenstehen und dabei ist alles ein Elend mit und zwischen den Menschen. Mine und Fatoni singen und rappen weniger Liebes- als Beziehungslieder. Ist auch ne Art von nicht zu leugnender Realness.

Auch richtig real sind Mädness und sein Bruder Döll, die bei mir schon gewonnen haben, weil sie im ersten Track Stieber Twins samplen. Auf Albumlänge hat es das Album aber nicht geschafft, mich länger zu begeistern.

Länger hängen geblieben ist die neue Arcade Fire. Finde ich echt sehr gut. Ist das zu cheesy, zu glatt? Oder sind das die neuen Talking Heads? Creature Comfort hat ästhetisch und inhaltlich das Recht ein wirklich klassischer Pophit zu werden mit Karaoke-Heavy-Rotation und allem.

Bevor ich hier für meinen Mainstreamgeschmack abgewatscht werde, drehen wir den Regler noch ein wenig richtig off, also off im Sinn von leftfield. Strange U, bzw. Strange Universe, aus London rappen mit mehr oder weniger verzerrten oder gepitchten Stimmen über Beats zwischen Lootpack und Anti Pop Consortium. No holds barred.

Ebenfalls von der Insel und am manisch releasen sind die Sleaford Mods, die auf English Tapas wieder fluchen, spucken und ranten („pretentious little bastards on social medias“), aber rhythmus- und groovetechnisch jetzt ein bisschen mehr nach Dance, ja in Ansätzen sogar happy klingen.

Definitiv nach Dance, aber noch viel mehr nach Kraut klingt European Song von Kreidler. Kein Wunder, kommen die ja auch aus Düsseldorf und sind dementsprechend synth- und percussionaffin unterwegs.

Die nur schwer zu kategorisierenden Magnetic Fields um Stephin Merritt haben dieses Jahr mit 50 Song Memoir ein riesiges Konzeptalbum veröffentlicht, das von 1966 bis 2015 jedem Jahr einen Song widmet und irgendwie auf Politik, (Alltags-)Kultur oder Sound des jeweiligen Jahres Bezug nimmt. Das Album zu hören ist, wie ein Buch lesen.

Mit circa zwei Jahren Verzögerung ist die 25. Ausgabe der Testcard erschienen und macht mit dem sehr allgemeinen Titelthema „Kritik“ klar, dass es hier um die ganz großen Fragen der Pop-Linken geht. Frank Apunkt Schneider fragt, ob es die Pop-Linke denn überhaupt noch gäbe und wer das überhaupt sein soll und Bini Adamczak (hat dieses Jahr auch zwei Bücher rausgehauen) plädiert unter Rekurs auf Peter Weiß auf eine Einheitsfront gegen den Rechtsruck. Das Thema Kritik liegt in der Luft, auch die PROKLA widmete dieses Jahr eine Ausgabe dem Überthema Gesellschaftskritik. Beide Hefte sind sehr lesenswert.

Mit Malcom Young von AC/DC (Money Talks) und Helmut Kohl von CDU (money talks not) sind zwei Konstanten meiner frühesten Jugend gestorben. Mit Bezug auf den einen, konnte man sich vom anderen noch abgrenzen. Zudem gab es auf dem Dorf keine Rockismusdebatte und stumpfester Rock´n´Roll war als Geste der Rebellion nicht nur irgendwie ok, sondern für die allermeisten die Einstiegsdroge in die Pop-Welt schlechthin. Knarf Rellöm sagt: „In der Ecke stehen die Anarchisten, die Hände in den Hosentaschen. Wer will schon Kohl ermorden? Das hat doch keinen Glam.“ Kohl wurde 1998 abgewählt, kurz zuvor löste sich die Rote Armee Fraktion selbst auf. Der Deutsche Herbst liegt jetzt 40 Jahre zurück. Eine mögliche Erinnerung hätte darin bestanden, aufzuzählen, wer dieses Jahr alles nicht gestorben ist.

Von NIX-Magazin veröffentlicht am: 10.01.2018 in: Featured

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