queer bayreuth artikel

We’re Here We’r QUEER

oder: Was »queer« bedeutet
und warum dich das
interessieren sollte

von Bianca Bender

1990 war die HIV-Krise in vollem Gange und Menschen gingen in Massen auf die Straße, um gegen Gewalt und Diskriminierung von queeren Menschen zu protestieren. Dort verbreitete sich der Slogan »We’re here, we’re queer, get used to it« – noch heute ist das auf Christopher Street Days und zu anderen queer-politischen Anlässen zu hören.

Aber warum denn heute noch? Homosexualität ist doch längst gesellschaftsfähig, gleichgeschlechtliche Partnerschaften in Deutschland und in vielen anderen Ländern anerkannt, es gibt hierzulande weder ein Verbot von Homosexualität noch werden Homosexuelle laut internationalen Standards als medizinisch behandlungsbedürftig gesehen. Warum also der Aufstand und »können die da nicht mal endlich Ruhe geben?«

Nein, das können »die da« nicht, und hier ist der Grund: Queer, das ist viel mehr als ein paar Schwule und Lesben, die heiraten wollen. Queer bedeutet in etwa »schräg« oder »seltsam« und wurde schon im 19. Jahrhundert gegen Menschen verwendet, die in ihrer Sexualität oder ihrem Geschlecht von gesellschaftlichen Normen abgewichen sind. Heute haben sich eben diese Menschen den Begriff zurückgenommen und verwenden ihn oft stolz als Schirmbegriff für Schwule, Lesben, bi-, poly- und pansexuelle Menschen, Trans*- und nichtbinäre Personen, asexuelle und aromantische Menschen, intersex Personen und viele andere Menschen, die ihre Sexualität und/oder ihr Geschlecht nicht in gängige Kategorien packen wollen oder können. Nicht alle diese Menschen gebrauchen »queer« gerne als Eigenbezeichnung, aber für viele aus dieser Gruppe ist es ein positiver, politischer Überbegriff für gemeinsamen Aktivismus, Kultur und akademische Studien geworden.

Und hier kommt der Punkt: Für diese Menschen ist längst nicht die Höhe der Akzeptanz und das Ende aller Diskriminierung erreicht. Einige von uns sind in der Gesellschaft noch nicht einmal sichtbar – kaum jemand weiß, was nichtbinär heißt, was genau eigentlich Asexualität ist oder was es bedeutet, intersex zu sein. Und woher auch, denn in den Schulen sind solche Dinge oft immer noch tabu, und in verschiedenen Bundesländern gingen monatelang ›besorgte Eltern‹ auf die Straße, um dafür zu sorgen, dass das auch so bleibt. Sie glauben, queere Menschen seien in Wirklichkeit Pädophile, die Behandlung von sexueller Vielfalt im Lehrplan ist für sie gleichzusetzen mit ›Porno-Unterricht‹.

Das geht mit der (oft unterbewussten) Vorstellung einher, dass queere Beziehungen grundsätzlich sexueller sind als die zwischen heterosexuellen Menschen. Während öffentliche Zuneigungsbekundungen wie Begrüßungsküsse zwischen heterosexuellen Paaren in der Öffentlichkeit als harmlos gesehen werden, wird oft an gleichen Gesten zwischen zwei Frauen oder Männern Anstoß genommen – queere Menschen werden aufgefordert, sie sollten ihre Sexualität nicht so zur Schau stellen, man müsse doch an die Kinder denken etc. Laut einer Umfrage der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte von 2013 gaben 68% der heterosexuellen Befragten an, dass sie in der deutschen Öffentlichkeit gern Händchen halten, während nur 4% der gleichgeschlechtlichen Paare sich das Gleiche trauten.

Menschen, die also nicht in die geschlechtlichen und sexuellen Normen der Gesellschaft passen, werden automatisch als anrüchiger und sexualisierter wahrgenommen. Genauso werden Menschen, die nicht ihr von der Gesellschaft vorgegebenes Mannsein oder Frausein erfüllen, mehr objektifiziert und oft gefährlich missverstanden.

Dies zeigt auch eine aktuelle Debatte um Trans*Personen in öffentlichen Toiletten, die während des Wahlkampfs in den USA angestoßen wurde: Dabei ging es darum, ob beispielsweise Trans*frauen ohne Einschränkung erlaubt werden sollte, Damentoiletten zu benutzen – dies ging mit der Angst einher, man öffne damit die Türen für männliche Sexualstraftäter, die sich als Frauen verkleidet Zugang zu diesem für Frauen geschützten Ort verschaffen könnten. Es wird sichtbar, dass es vor allem für Konservative scheinbar keinen Unterschied zwischen einer Trans*frau und einem Mann mit Perücke gibt – einem Mann mit einer Perücke, der zudem zu sexualisierter Gewalt bereit ist. (Dass Trans*frauen in Wirklichkeit nur in Ruhe aufs Klo gehen wollen, sollte selbstredend sein.)

Zu alldem könnte man sagen: »Sicher, Leute mit aggressiven Ansichten gibt es überall, aber das Gesetz schützt queere Menschen ausreichend, also ist doch alles gut.« Und ja, es hat vor allem hinsichtlich der Politik in den letzten Jahren und Jahrzehnten viele Fortschritte gegeben. Die eingetragene Lebenspartnerschaft, auch wenn sie immer noch nicht Ehe heißen darf, hat sich rechtlich sehr an die Ehe angenähert. Das sogenannte Transsexuellengesetz ist inzwischen größtenteils als verfassungswidrig erklärt worden, sodass eine Namens- oder Personenstandsänderung in Deutschland einfacher geworden ist. Aber wir wissen, dass es in der Geschichte schon ganz anders ausgesehen hat, und vor allem mit einem Blick auf die globale politische Lage stellen wir fest: Geschichte ist dazu verdammt, sich zu wiederholen.

Viele Faktoren haben dazu geführt, dass Parteien aus dem rechten politischen Spektrum an Zuwachs gewinnen, und das ist eine reale Bedrohung für viele marginalisierte Gruppen, auch für queere Menschen. Laut AfD ist allein die Information über die Existenz queerer Menschen an Schulen eine ›Ideologie‹ und es ist kein Geheimnis, dass die Rhetorik vom »besonderen Schutz der Ehe und Familie« gezielt auch gegen queere Menschen und deren Rechte geht. Diese Partei sitzt bereits in mehreren Landesparlamenten, in aktuellen Prognosen ist sie drittstärkste Partei für die Bundestagswahlen 2017. Sie und andere rechtspopulistische Parteien sind vertreten im EU-Parlament. Der ab Januar 2017 amtierende Vizepräsident der Vereinigten Staaten hält Homosexualität für eine Krankheit und kündigt staatliche Unterstützung für ›Umpolungstherapie‹ an, die mit psychologischer Folter zu vergleichen ist und vor allem für junge queere Menschen zu extremen psychischen Problemen und bei 50% der Opfer bis zum Suizid führt.

All das zeigt, dass der Kampf um queere Akzeptanz noch lange nicht vorbei ist. Es zeigt, warum wir Queer Studies brauchen, einen AK Queer an der Universität Bayreuth, queere Charaktere in Filmen, Serien und Büchern, Informationen über queere Identitäten in Schulen. Nur so kann queer aufhören, ›seltsam‹ und ›abnormal‹ zu sein, und anfangen, ein Teil unseres Alltags und unserer Gesellschaft zu werden.

Darum haben wir diese Kolumne: Um mit Bayreuth und mit dir im Gespräch zu bleiben über alles, was uns wichtig ist. Wer noch weitere Fragen oder Diskussionsbedarf hat, ist natürlich jederzeit beim AK Queer willkommen.

AK QUEER
Der Stammtisch findet jeden zweiten Donnerstag im Monat um 20:00 Uhr im Café Florian statt.

https://queergenderbayreuth.wordpress.com/

Von NIX-Magazin veröffentlicht am: 17.10.2017 in: Artikel

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