Warum es Hoffnung gibt

über einen Abend in der Süb.

von Colectivo Valeria L.

Vor langer Zeit unterhielt ich mich mit einer Freundin und einem Freund darüber, was ich in diesem Land und in diesem Leben nicht aushalte: »Was mich ankotzt, ist, dass all die guten Leute, die ich kenne, schneller kaputt gehen als all die schlechten.«

Leute in gut und schlecht einzuteilen ist natürlich Quatsch. Aber wie in jedem ernstgemeinten Quatsch steckt darin mehr als nur ein Fünkchen Wahrheit.

Als ich die Lesung von Manja Präkels und Markus Liske in der Sübkültür besuchte, musste ich an das Jahre zurückliegende Gespräch denken. Die beiden lasen Texte aus dem von ihnen herausgegebenen Sammelband ›Vorsicht Volk!‹, und auch wenn nach den ersten Sätzen klar war, dass hier zwei Menschen ihr Vortragshandwerk verstehen, schlich sich bei mir eine leichte Unruhe ein, denn da war sie wieder, diese typische Selbstgewissheit ›linker‹ Texte – was auch immer mit dieser schwammigen Kategorie umfasst sein soll. Sie war in den Texten, die bis auf den ersten Text nicht von den Vortragenden selbst stammten, und sie saß in der Vortragsweise. Natürlich nicht überall, es gab ganz umwerfende, grandiose Momente. Richtig schön, weil eben widersprüchlich, wurde es aber erst in dem an die Lesung anschließenden Gespräch. Die beiden berichteten von ihren Auftritten, davon, wie im Anschluss an die Lesungen – gerade im Osten Deutschlands – hitzig diskutiert wurde und sich plötzlich ein Raum öffnete, wo so etwas wie eine kritische Öffentlichkeit zuvor nicht existierte. Als Manja Präkels und Markus Liske erzählten, zögerten sie, ihre Worte und Zuschreibungen waren vorsichtiger, mal resigniert, mal kämpferisch, mal ich-habe-wirklich-keine-Ahnung.

Draußen vor dem Schaufenster der Süb, beim letzten Bier, checkte ich, wie immer viel zu spät, dass Selbstgewissheit das völlig falsche Wort ist. Jede und jeder, die oder der wie Manja und Markus sehr lange gegen sehr konkret schlechte Menschen ankämpfen musste, braucht nicht Selbstgewissheit, sondern ein Selbstbewusstsein, das auch in der Unterscheidung zwischen gut und schlecht gründet. Anders ginge es nicht. Ein Selbstbewusstsein jedoch, das bröcklig ist, da alle, die an eine bessere Welt glauben, wissen, dass die Einteilung in gut und schlecht nur bedingt funktioniert. Und sich daran abarbeiten, was viele schneller kaputt gehen lässt – und dennoch Hoffnung macht.

Von NIX-Magazin veröffentlicht am: 22.12.2016 in: Artikel

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