Verrückte

von Rob Dupev

Der Club war voll mit Verrückten. Die DJs spielten ein komplett durchgeschossenes Set. Die Verrückten sprangen auf und ab, warfen die Arme in die Luft. Eine blonde Frau bekam auf der Tanzfläche einen Orgasmus. Auf der Toilette sagte ein Typ fürchterliche Sätze. Er schüttelte lange seinen Schwanz. Als er sich abwandte, lachte er ein dreckiges Lachen. Später sah ich ihn mit dem Kopf auf dem Tisch liegen. Unter seinem Mund dampfte ein Speicheltümpel. Das Strobolicht durchschnitt den Dampf wie der Mondstrahl den Nebel. Neben dem Typ saß ein Mädchen. Sie hatte purpurrote Lippen und eine Tätowierung auf der Schulter. Als ich an ihr vorbeiging, blickte sie mir in die Augen. Ich wich zurück. Ich drängte mich durch die Menge. Ich rannte die Treppe nach oben. Ich durchbrach die Wasseroberfläche. Draußen starrten mich dutzende Augenpaare an. Hungrige Hunde. Ich knurrte und irgendwoher hörte ich ein Flüstern. Überall Verrückte. Ich richtete mich auf und streckte meinen Rücken. Ich wusste nicht weiter. Ich erkannte nichts wieder. Ich konnte mich nicht erinnern. Ich kramte in meiner Hosentasche und fand einen Bonbon. Er schmeckte nach Zitrone. Ich knackte ihn auf, in der Hoffnung auch noch Orange zu schmecken. Minuten vergingen. Ich stand nicht mehr im Mittelpunkt. Die Verrückten starrten auf ihre Smartphones und zogen an ihren Zigaretten, bösartig und geil. Niemand sagte ein Wort. Der Türsteher kaute auf einem Zahnstocher. Er strahlte Ruhe aus, die für Türsteher in Kleinstädten ungewöhnlich ist. Zumeist hat man es mit Stieren zu tun, vollgepumpt mit Steroiden und Amphetamin. Sie sind gedrungen, pockennarbig und verbrannt. Aus seiner Jackentasche schaute ein Buch hervor. Er bemerkte, dass ich es ansah. Mit russischem Akzent sagte er: »Turgenjew.«
Ich wollte eine Frage stellen, da tippte mir jemand von hinten auf die Schulter. »Lass uns gehen …« sagte das Mädchen, »… lass uns einfach irgendwohin gehen.«
Sie nahm meine Hand und zog mich fort. Sie zitterte am ganzen Körper. Sie trug ein Tanktop und eine zerschnittene Jeans. »Sofia« sagte sie. Ich gab ihr meine Jacke und nannte ihr einen falschen Namen. »Ich habe Hunger, aber kein Geld.«
»Was willst du essen?« »Döner, aber nur wenn du auch einen isst.« »Ok.«
Wir gingen Hand in Hand. Wir nahmen keine Rücksicht. Ein ums andere Mal wurden wir beschimpft. »Fotze!« und »Hurensohn!«
Wir drehten uns nicht um. Wir liefen zum besten Döner der Stadt. Wir saßen an einem Tisch in einer Nische. Ich zupfte ihr Dönerreste aus dem Gesicht, als wären sie Wimpern. Sie ließ das zu, hatte aber keine Wünsche. Ich fragte sie, warum sie so traurig war. Sie machte eine Geste. Plötzlich sprang sie auf und rannte nach draußen. Als ich sie eingeholt hatte, sagte sie, es war nicht auszuhalten. Sie umarmte mich. »Halt mich kurz.«
Ich spürte, wie sie weinte. Ich drückte ein wenig fester und sie erwiderte den Druck. Um uns herum strömten Verrückte über den Platz. Sie grölten. Einer rief: »Deutschland, Deutschland über alles.« Eine andere: »Blowjobs for free.«
Das Gegröle wurde lauter. Sofia hatte aufgehört zu weinen. Sie schob mich von sich weg, hielt mich aber an den Händen fest. Sie schaute mir in die Augen und lächelte. »Wieso schaust du so traurig?« »Sage ich dir nicht.«
Wir folgten einer Gasse, an deren Ende eine Laterne flackerte. Sie kickte die Laterne aus und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. »Küss mich.«
Ich küsste sie und sie krallte ihre Finger in meinen Nacken. Sie biss mir in die Lippe und den Hals. »Du schmeckst fürchterlich.« »Du auch.«
Sie knöpfte die oberen Knöpfe ihrer Jeans auf und führte meine Hand. Ein Schatten brüllte: »Fickt woanders, ihr Scheißgesindel.«
Wir gingen weiter. Über uns wölbte sich ein Torbogen. In die Sandsteinmauern waren Hakenkreuze und Herzen gekratzt. An einer Stelle stand eine Telefonnummer. Sofia blieb stehen und zog ihr Handy aus der Hosentasche. Sie wählte und stellte auf laut. Am anderen Ende sagte eine Stimme vom Band: »Bei uns werden alle Träume wahr.«
Ehe wir uns versahen, standen wir im gleißenden Licht. Wir waren im Kreis gegangen und wieder nahe am Ausgangspunkt. Die Prachtstraße der Kleinstadt war hell erleuchtet. Die Beifahrertür eines Taxis wurde aufgestoßen und ein Mann kotzte. Auf einem Sockel thronte ein Schriftsteller, dessen Namen von den Einheimischen wie der eines Dancehallsängers ausgesprochen wird. Wir erreichten den Park und setzten uns auf eine Bank. »Und jetzt fick mich endlich.« »Nein.« »Du sollst mich jetzt ficken.« »Nein.«
Sie schlug mir hart auf die Brust und schrie: »Fick mich, Arschloch! Fick mich! Fick mich! Fick mich!«
Ich stieß sie von mir runter. Sie lag auf dem Boden und starrte in den Himmel. Es wird Winter werden. Kälter und unerbittlicher als in den letzten Jahren. Es werden Menschen erfrieren und in der Hölle landen. Sie werden niemals zur Ruhe kommen. Sie werden sich auf ewig verdammen, gelebt zu haben. Für nichts und wieder nichts. Sie rappelte sich hoch. »Mach‘s gut …« sagte sie.
Ich saß da und schaute zu, wie sie mit der Dunkelheit verschmolz. Ich legte meinen Kopf in den Nacken. Der Mond schien durch die Blätter der Birken. Die Blätter waren schwarz und silbrig. Ein Makrelenschwarm, der hin und her schoss, ruckartig die Richtung änderte. Gefangen in einer gläsernen Welt. Mir fielen die Augen zu. Ich schreckte hoch und machte mich auf den Weg. Ich sah, wie Verrückte durch die Straßen liefen und den Schmerz aus sich herausprügelten. Ich sah Schmerzen, die die Gassen fluteten, um sich zu vereinen. Ich sah Schmerzen zum Himmel aufragen und wie ihnen der Eintritt verweigert wurde. Ich sah den Turm zusammenbrechen und scharfkantige Brocken herabfallen. Ich sah wie Menschen, die dem Schauspiel mit offenen Mündern beigewohnt hatten, die Brocken verschluckten. Ich sah wie einer nach dem anderen verschwand.

Von NIX-Magazin veröffentlicht am: 18.10.2016 in: Kunst & Quatsch

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