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ein viel zu kurzer Text
über Matthias ›Ties‹ Knörrer,
HipHop und Unabhängigkeit.

Die Idee dieses Porträts, eine Biografie anhand von drei Platten zu erzählen, stellte sich als schwachsinnig heraus. Klappt einfach nicht, wenn nur wenige DIN A5 Seiten zur Verfügung stehen. Der Text wird entweder zu lang oder oberflächlich. Hätte einem auch vorher mal jemand sagen können.

Learning by doing nennt man das wohl. Und so wird vage bleiben, warum Shangos (aka Africa Bambaataa) Single ›Shango Message‹ (1983), Planetary Invasions ›Midnight Star‹ (1984) und ›The Hue‹ von H.I.S.D. (2010) die wichtigsten Platten im Leben Matthias ›Ties‹ Knörrers sind. Nur so viel: ›Shango Message‹ – die Power, die Drumbreaks, das Weltraum-Cover – hatte eine »Kraft, die irgendwas in mir bewegt hat, die mich zum HipHop brachte«; ›Midnight Star‹, die erste selbstgekaufte Platte, war der Vorbote zum, wie Ties Vinyl intergalaktisch formuliert, »Mutterschiff Schallplatte« und legte den Grundstein zur Sammlung; ›The Hue‹ war die erste Veröffentlichung auf seinem eigenen Label ›Expanded Art Records‹.

Wo also anfangen? In der Mitte des Jahrzehnts, in dem Bayreuth seine Zuneigung zur Farbkombination lila-türkis entdecken sollte, trafen sich zwei Jugendliche, die (auch) der Meinung waren, dass die Stadt zu grau und die Köpfe zu zubetoniert waren. Männer trugen Oberlippenbärte, Frauen Leggings und Stulpen. Was Dusty & Ties trugen ist nicht überliefert. Als sie Sprühdosen in die Hand nahmen, war HipHop für die meisten Leute irgendwas mit Amerika. Wie sollte es auch anders sein?

Dusty & Ties wurden direkt bei ihrem ersten Piece von den Cops gecatcht. Vielleicht weil sie in der Dämmerung und nicht in der Dunkelheit gemalt hatten, vielleicht weil der einzige Polizist, aus dem die Bayreuther ‚Graffiti-Soko‘ zu dieser Zeit bestand, in der Nachbarschaft gewohnt und seinen Hund Gassi geführt hatte, vielleicht aber auch einfach, weil irgendwo irgendwer Knöpfe drückt, damit es noch Jahre später Geschichten gibt, die erzählt werden müssen.

TIES: »Wir sind zum Jugendamt zitiert worden und dort saßen dann vier so Pädagogen rum und haben gefragt: ›Warum macht ihr denn sowas?‹ Na ja, dann haben wir zur Strafe zwei Stunden den Spielplatz am Meranierring aufräumen müssen. Und das Geilste an der Aktion war, dass andere Jugendliche, die dort auch so Arbeiten machen mussten, weil sie ein Mofa frisiert oder mal was geklaut hatten, beeindruckt waren, weil wir wegen Graffiti hier waren. Das war für die, als hätten wir die Bank von England überfallen. Du bist von allen Kriminellen der Coolste. Das hat man schon gespürt damals, wenn du Graffiti sprühst, bist du wer.«

Das eigentlich Spannende, so Ties, war aber, dass du wer bist und gleichzeitig niemand sein kannst. Du erfindest dich auf eine Art neu, gibst dir einen Namen, hinterlässt Zeichen, die nur ein paar Eingeweihte lesen und verstehen können.

NIX: »Hast Du, nachdem ihr erwischt worden seid, weiter gemalt?«
TIES: »Natürlich.«

Es war der Nachdruck, mit dem Ties das »Natürlich« ausgesprochen hatte und die Pause, die nach dem dreisilbigen Wort entstand. Es war eine hundertprozentig blöde Frage. Und doch hilft die Antwort dabei, zu verstehen, was Ties umtreibt. Damals und heute, wenn er nach über 21 Jahren noch immer jeden Donnerstag, Freitag und Samstag seinen Plattenladen für all diejenigen aufschließt, für die HipHop ein bisschen mehr ist als Platten kaufen. Er würde widersprechen, wenn das »Natürlich« politisiert werden würde, wenn an dieser Stelle etwas von Staat vs. Graffiti oder von dem Kampf des Einzelnen gegen die Gesellschaft stehen würde. Ties redet und denkt in anderen Kategorien. Das Wort, das er benutzen würde, das im Gespräch wieder und wieder auftauchte, versteht er persönlicher, es lautet: »Unabhängigkeit«. Darum legt er auch großen Wert darauf, Graffiti als Kunstform zu begreifen. Ihm und Dusty, so erzählt Ties, ging es nicht um Protest oder den Kick. Sie wollten Pieces malen, die in der Stadt zu sehen waren, »aber damals gab es einfach nur den illegalen Weg«.

Ties erster gekaufter Plattenspieler war ein Schritt hin zur Unabhängigkeit. Nun konnte er endlich Kassetten selbst aufnehmen und war nicht mehr auf andere Leute angewiesen. Das Coast2Coast wurde seine »Insel«, auf die er sich zurückziehen konnte – sei es, weil ihm privater Stress zu schaffen machte, sei es, weil man auf der Arbeit immer Kompromisse eingehen muss, denn: »die wenigsten können doch auf der Arbeit das tun, was sie wirklich gerne machen würden«. Hier konnte er mit Plattenfirmen selbst verhandeln, baute sich eigene Netzwerke auf, bestellte die Alben für seinen Laden, von denen er überzeugt war, sie müssten gehört werden. Sein Label ›Expanded Art Records‹ gründete er letztlich auch deswegen, weil er es nicht mit ansehen konnte, dass bestimmte Alben nicht auf Vinyl erschienen.
Ob er am Anfang, als er zusammen mit Dusty loszog, um seinen Namen an Wände zu malen, unabhängig sein oder einfach nur eine gute Zeit haben wollte, spielt keine Rolle. Der Grundstein war gelegt. Das kann HipHop nämlich: Menschen freier machen.

COAST 2 COAST
Ties betreibt das Coast2Coast und das Plattenlabel ›Expanded Art Records‹. Er freut sich besonders, wenn Leute im Laden vorbeikommen und nach Schallplatten fragen, die er nicht vorrätig hat. Ansonsten ist er superlieb.

www.coast2coast.de
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Von NIX-Magazin veröffentlicht am: 22.12.2016 in: Artikel

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