mortal agony_bayreuth grindcore metal musik

Freundschaft und Anti-Alles

ein einblick zum 20jährigen bestehen
der band mortal agony

Ein November-Abend in Bayreuth, Nieselregen, der Wind beißt im Gesicht, es ist arschkalt. Auf meinem Weg zu unserer Verabredung gehe ich die vorbereiteten Fragen durch und erinnere mich an vergangene Zeiten. Es war mein erstes Interview. Wir soffen zweiundzwanzig Ouzo. Es artete aus.

Das Interview besteht aus Fragmenten, die Audiodatei liegt auf ewig im Fach für schwierige Fälle. Es ist problematisch, wenn Leute sich zum Interview verabreden, die sich kennen. Die in derselben Stadt aufgewachsen sind. Noch schlimmer: Die irgendwann mal geglaubt haben, mit ihrer Musik Bayreuth auf die Weltkarte zu setzen. Wir reiben unsere Augen, kneifen uns: Es gab ja mal wirklich eine Bayreuther Subkultur. Eine Zeit, in der 500 Leute auf Hardcore Konzerten waren, genauso viele auf Hip Hop Jams, auf Drum & Bass und Reggae-Partys. Melancholie ist ein guter Ausgangspunkt, um zu saufen.

Mortal Agony lässt sich musikalisch zwischen Beatdown, Hardcore und Grindcore einordnen. Die Band besteht seit 1997, so genau kann das aber niemand mehr nachvollziehen. 2001 erscheint der erste Longplayer ›Necrobutchering‹. Die Band spielte Gigs in Hamburg, München, Mainz, der Oberpfalz und andernorts. Gekrönt von Gigs auf dem ›Fuck the commerce Festival‹ und einer legendären Show im Bayreuther ›ZENTRUM‹ in deren Verlauf es on stage zu Geißelungen mit Mikrofonständern kam, Stagediving mit Gips und dem ein oder anderen Bänderriss.

Umrahmt wurde alles mit einem stilistischen Auf und Ab zwischen Beatdown und Grindcore. Mir gegenüber sitz nun als einziges verbliebenes Member aus der Enstehungsphase der Bassist ›Becke‹, zusammen mit einem der beiden Shouter, ›Dawid‹.

NIX: Ihr werdet 20 dieses Jahr, wenn ihr zurück blickt, was hat sich in der Szene, der Stadt, am meisten verändert?
MA: Es gab früher mehr kleine Shows, wir selbst haben da ja noch veranstaltet. Es gab mehr DIY und mehr Leute die sich für diese Art Musik und alles was dazugehört begeistert haben. Ruhiger und strukturierter ist es geworden.

NIX: Mit welcher Intention wurde die Band gegründet?
MA: Der Deathmetal war damals ziemlich der Hype. In unserer Stadt gab auch schon paar Bands, wir wollten mindestens krasser, wenn nicht sogar Hauptsache schlimmer sein! Außerdem brauchte Hinterkleebach UNBEDINGT eine Grindcore Band.

NIX: Hattet ihr Vorbilder?
MA: Äh nö. Wenn dann Inspiration, Pigsty, Cryptopsy, CBT und natürlich Krush! (Gelächter)

NIX: Gab es damals einen Szene-Treffpunkt?
MA: Früher? Unser schönes Kanapee, da lief ohne Mist zu dieser Zeit echt nur Gebolze. Kann man sich heutzutage gar nicht mehr vorstellen. Und da ist nach wie vor so eine Indie-Core-Stromgitarren Tanzveranstaltung. Monatlich! Pflicht!

NIX: Wie schlagen sich Alltag und Welt in eurer Musik nieder, welche Themen beeinflussen euch?
MA: Alltag, krass überzeichnet. Nachrichten und die schlechte Welt, Sozialkritik. Um Gewalt gehtʼs auch viel, Endzeit, Krieg, Perversionen und Körperflüssigkeiten. Die ganze Schockpalette eben und dazu, zugegeben, viel Geprolle. Es macht riesig Spaß!

NIX: Welche Entwicklungen zeichnen sich derzeit innerhalb der Szene ab?
MA: Du, unsere Szene beschränkt sich oft nur auf »soziale« Medien oder den Impericon-Newsletter (Gelächter). Die Musik wird wieder technischer, Hörer sind anspruchsvoller oder haben das Genre ganz verlassen, die die neu dazukommen sind manchmal nur Fashionkids, leicht lenkbar durch das Marketing großer Labels, die Ihre fünf sehr ähnlichen Live-Packages wie die Goldesel durch die Lande treiben und omnipräsent Promo für deren Merch und Alben machen.

NIX: Wie ist eure Sicht auf die Subkultur in Bayreuth, speziell in eurem Genre und Umfeld?
MA: Im Ernst, es ist in der letzten Zeit alles ziemlich zerfasert. Das große Kollektiv ist nicht mehr so vernetzt und eng verwoben. Manches bleibt, anderes verschwindet. Unterm Strich kann man zu den zwei letzten Fragen sagen, alles wurde weniger: Bands, Promoter, Veranstalter und Locations.

NIX: Was würdet ihr subkulturell in Bayreuth verändern wollen?
MA: Eigentlich hast du theoretisch alles, was du brauchst. Es fehlt nur der Wille, was auf die Beine zu stellen und das Vertrauen, danach nicht draufzuzahlen. Außerdem ist keine subkulturelle Basis direkt greifbar. Einmal im Jahr ist ein Metalfestival in Bayreuth, International besetzt. Gerne mehr davon, Genreübergreifend!

NIX: Was war das Absurdeste, das euch je bei einem Gig oder auf Tour passiert ist?
MA: Da fällt uns nach 300 Shows nichts Bestimmtes ein. Von einem Reisebus voller Freunde und Fans, mit dem wir zu einem Konzert von uns gefahren sind, bis zu Übernachtungen in Heizungskellern besetzter Häuser – es war zu 99% die Zeit wert. Wir machen das Ganze auch gerade WEIL es den Trend hat, absurd und witzig zu werden.

NIX: Weil wir den Kitsch lieben, was war der schönste Moment der Bandgeschichte?
MA: Bestimmte Bandmitglieder halten endlich die Fresse… öhm, könnte jeder gemeint sein (Gelächter).

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Die Jungs empfehlen noch, die die Mortal Agony Facebookpage als Startseite in eurem Browser einzurichten. Ab dann Schwärze und Gebrüll. Aus Gründen der Lesbarkeit wurden die Interviewaussagen redaktionell stark bearbeitet. Es war uns ein Fest!

Von NIX-Magazin veröffentlicht am: 09.10.2017 in: Artikel

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