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CONSUME

von Rob Dupev

Da steht consume – repeat – consume – repeat unter einer Bayreuther Brücke. Am Ende der Kette der Worte hängt ein Männchen an einem Galgen. Der Schriftzug ist geil hingerotzt. Meine Augen wandern von links nach rechts und ich vergesse die Zeit. Irgendwann ist es dunkel. Ein Kampfhund schnuppert an meinen Füßen und das Leben fährt in mich zurück. Der Hundebesitzer sagt einen Satz, der wohl so etwas wie eine Entschuldigung sein soll. Der Hund wedelt mit dem Schwanz, verzieht sich und pisst an einen Brückenpfeiler. Ich zucke mit den Schultern und gehe weiter.

Eigentlich hatte ich das Haus verlassen, um einkaufen zu gehen. Von der Brücke bis zum Supermarkt sind es nur wenige Minuten. Dazwischen liegt ein Fluss, das verlassene Gebäude, in dem letztes Jahr noch Geflüchtete untergebracht waren, Plakatwände, zwei Tankstellen, ein dm, Dennʼs Biomarkt, eine Bäckerei. Auf den Plakatwänden sagen Titten: Yeah, es ist Zweitausendsechzehn und wir sind immer noch das erfolgreichste Körperteil, um für was auch immer zu werben. Knapp vor dem Arsch, der, von Pickeln frei retuschiert, in einem Slip steckt und nach Rosen duftet. In den Tankstellen gibt es sonntags die Welt zu kaufen, und, falls die Nacht lang war, eineinhalb Liter Cola, Pizza Diavolo von Dr. Oetker, der, wie jedes Kind weiß, seinen Firmensitz in Bielefeld hat. Dort gibt es Milka Schokolade, Haribo, Wodka Gorbatschow, Moskovskaya, ab und an Grasovka.

Im dm gibt es Alnatura Falafel, Alnatura orientalischer Burger, Alnatura alles. Es gibt Zewa in sehr vielen Varianten: Klopapier, weicher als jeder Arsch auf jedem verschissenen Plakat. Taschentücher, die die Nase nicht wundscheuern, sondern Mitesser wie von Geisterhand verschwinden lassen. Im Dennʼs gibt es Viana Veggie Kitchen: Veggie Hack – Veggie Rumpsteak – Veggie Schnitzel. Es gibt Ökoland Möhren-Ingwer Cremesuppe und Höllinger Bio Black Currant. Und Rapunzel Erdnussmus Crunchy, das, wenn man es mit braunem Rohr-Rohrzucker von Fairglobe bestreut, den es wiederum bei Lidl gibt, wahrhaft fantastisch schmeckt. Ganz geil ist auch das Dennree Schokoeis aus biologischer Landwirtschaft.

Bei der Bäckerei gegenüber gibt es das beste Kürbiskernbrot und einen ausgesprochen leckeren Mohnkuchen. Im Lidl gibt es sehr viel. Und jeder hier weiß, wohin er greifen muss, um es zu bekommen. Eine Tochter sagt zu ihrer Mutter »Dany Sahne«, so wie andere »ich hatte einen Traum sagen«. Ein Mann ist zu Scherzen aufgelegt, hält zwei Pack Freshona Rahmspinat in die Luft und ruft seiner genervten Freundin zu: »Popeye, Baby!« Ich gebe zu, dass ich lachen muss. An der Kasse gibt es heute KitKat-Two-For-One-Spezial, Fisherman’s Friend und den Ausblick auf Titten, die für irgendetwas werben, vielleicht den Beginn der Weihnachtszeit, Weihnachtskugeln so to speak.

Vor dem Lidl steht ein Mann mit traurigen Augen und bittet um Geld. Seine Augen füllen sich mit Tränen, als ich ihm welches gebe. Ich blicke weg, denn ich schäme mich, seine Scham zu sehen. Auf dem Weg zurück, vorbei an der Bäckerei, dem Biomarkt, dm, den beiden Tankstellen, den Plakatwänden, den grauen Gesichtern, die zu Boden blicken, höre ich PJ Harvey vom Begehren singen. Zuhause angekommen sortiere ich die Produkte ein. Spät nachts nach dem zweiten Glas Whiskey google ich die Namen der vom NSU Ermordeten, die ich mir einfach nicht merken kann. Kurz darauf schlafe ich ein, träume von Sofia und der Nacht, die voll mit Verrückten war, und frage mich, ob wir nicht vielleicht doch hätten vögeln sollen.

Von NIX-Magazin veröffentlicht am: 10.09.2017 in: Kunst & Quatsch

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