Begegnungen

von Winfried Müller

Alles begann an einem klassischen Dienstagabend in der Maisel’s Bierstube. Zwischen verlorenen Existenzen, die am Spielautomat ihre Frührente durchföhnten, und dem obligatorisch lauthals krakeelenden Sören, fand ich mich an der Theke meines Vertrauens neben meinem altbekannten flüchtigen Bekannten Harri (Szenename: Dirty Harry) wieder. Ich hatte ihn bereits mehre Runden im Flipcup abgezogen als er – zunächst beiläufig, im weiteren Verlauf jedoch mit zunehmendem Ernst – von einer neuen Untergrundorganisation in Bayreuth zu erzählen begann. Am Anfang war ich noch abgelenkt von den monoton wummernden digitalen Walzen des Novoline-Automaten nebenan. Als Harri jedoch mit exorbitant hochgezogenen Augenbrauen berichtete, dass sich das Einzugsgebiet der Organisation bis ins ferne Ostasien erstrecken soll, war mein Interesse geweckt [Anm.d.Verf. Ich stehe auf kleine Frauen]. Unter dem verschrobenen Verschwörungstheoretikergeschwafel witterte ich, anders als die letzten Male, einen erschütternden Kern von Wahrheit. Und so ließ ich meinen Thekennachbarn gewähren und konnte ihm, nach reichlich Überzeugungskunst durch das Feilbieten von Hefe Weizen, einen Namen entlocken. »Saint Fegit« hechelte er mir matschig, modrig ins Ohr und schaute danach sofort über seine Schultern, ob ihn jemand gehört haben könnte. Der Name hallte durch meinen Gehörgang. Aus unerklärlichen Gründen lief es mir kalt zwischen den Schulterblättern herunter und die Haare meiner Landebahn stellten sich auf. Ich wurde neugierig, wollte mehr wissen. Eine Adresse. Einen Ort. Irgendeinen materiellen Beweis. Doch meinGesprächspartner war zu keiner weiteren Aussage mehr zu bewegen. Er stand taumelnd auf, faltete sein Sacktuch provisorisch zusammen und murmelte in seinen mächtig wallenden Rauschebart: »zu viel.« Etwas irritiert lugte ich hinter meinem mundgeblasenen Bierglas hervor und rief: »Hä?!« Ein Zucken ging durch seinen buckeligen Körper. Er beugte sich direkt vor meine Nase, seine Schnurrhaare kitzelten mich am Augenlid. Ich konnte die Aufregung in seinen Ausdünstungen riechen. »Zu viel. Ich hab schon zu viel erzählt.« Beim Wort ›erzählt‹ schnellte sein Kopf im gleichen Tempo wie die kleinen Sabberspritzer, die aus seinem Mund auf meine Wange flogen, nach hinten und er verließ fluchtartig den Raum. Seit diesem wackeligen Abgang ward er nie mehr gesehen. Und ich saß da, mit zugeschnürter Kehle und einem Zacken in der Krone. Die Phonetik seiner letzten Worte hallte wieder und wieder durch meinen Kopf: »Saint Fegit [s eɪ n t f e ɡ ɨ ʈ].« In dieser grauenvollen Nacht fasste ich einen Beschluss. Ich würde der Sache auf den Grund gehen. Diesen Geheimbund ausfindig machen, vielleicht sogar infiltrieren. Ich würde darüber berichten. Das war ich meinem Bekannten Harri schuldig. Ich würde dieser Organisation ihre Maske entreißen, die Fratze dahinter offenlegen und sie zur Rede stellen. Damit diese Geschichte nicht im schlickigen Morast des urbanen Sagenschatzes verloren geht. Harri hatte sich mir nicht umsonst anvertraut. Ich, der Müllers Winfried, werde berichten! To be continued…

Von NIX-Magazin veröffentlicht am: 12.11.2017 in: Kunst & Quatsch

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